Look Closer. Kunst Afrikas im Archiv Himmelheber
Die Ausstellung LOOK CLOSER ist das Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts zum Archiv von Hans Himmelheber. Sie lädt dazu ein, das Archiv neu zu betrachten – als Wissensspeicher, künstlerische Inspirationsquelle und Ort kritischer Reflexion. Das kuratorische Team arbeitete interdisziplinär und vereinte Perspektiven aus Kunstethnologie, Geschichte, visueller Anthropologie und Provenienzforschung.
Michaela Oberhofer
01.01.2024
Hans Himmelheber wird von seiner Familie als visueller Mensch beschrieben, der sich durch seine Methode des genauen Hinsehens auszeichnete. In diesem Sinne bezieht sich der Titel der Ausstellung LOOK CLOSER auf die Methode, die Himmelheber in seiner Forschung über Kunst und Kunstschaffende auszeichnete. Die Ausstellung war jedoch keine Hagiografie seiner Person, sondern bot wissenschaftliche, kuratorische und künstlerische Perspektiven auf sein (post)koloniales Archiv zur Kunst Afrikas.
Der Einstieg in LOOK CLOSER war ungewöhnlich: Statt Kunstwerken wurden eine Kamera, ein Etikett, eine Archivbox und Büroklammern gezeigt – Objekte, die zentrale Fragen aufwerfen: Was ist ein Archiv? Wie entsteht es, wie wird es geordnet, und welches Wissen speichert es? Wie verändert sich seine Bedeutung, wenn es in eine Institution wie das Museum gelangt? Und wie eignen sich zeitgenössische Künstler*innen aus Afrika dieses (post)koloniale Archiv an?
Die Ausstellung umfasste 104 Objekte, 54 Fotografien und 32 Dokumente, ergänzt durch acht multimediale Stationen mit Filmen von und über Himmelheber. Zum kuratorischen Team gehörten Nanina Guyer, Gesine Krüger, Daniela Müller, Michaela Oberhofer, Anja Soldat, Esther Tisa Francini, unterstützt von Jonas Lendenmann. Die visuelle Gestaltung – konzipiert von Sonja Koch, Fabia Lyrenmann und Rüdiger Schlömer – greift das Archiv als geordnetes System und Speicher von Wissen auf. Um die zentrale Bühne in der Mitte war die Ausstellung in vier Bereiche unterteilt: „Himmelheber“, „Künstler*innen“, „Das Projekt“ und „Künstlerische Forschung“. Hinzu kamen weitere zeitgenössische Positionen in der Dauerausstellung Afrika.
Maskenporträts als Experiment
Am Eingang der Ausstellung wurden die Besuchenden von vier Holzmasken empfangen, die Himmelhebers Gesicht darstellen. Diese Masken sind das Ergebnis eines ungewöhnlichen Experiments zur Porträtkunst in Afrika. 1971 bat Himmelheber vier ivorische Bildhauer aus den Regionen Baule, Dan und Guro, ein Bildnis von ihm zu schnitzen. Dabei dokumentierte er nicht nur das Werkverfahren, sondern analysierte auch die stilistische Vielfalt zwischen künstlerischer Freiheit und klassischem Kanon. Sein Experiment machte deutlich, dass die Wahrnehmung und Darstellung des Menschen kulturell und historisch geprägt sind.
"Himmelheber"
An der linken Wand des Ausstellungsraumes war der Bereich zu Himmelheber als Sammler, Händler, Forscher und Hochschullehrer angeordnet. Seine Feldforschungen und seine Erwerbungen in der Côte d’Ivoire, Liberia, Kongo und Alaska wurden anhand von Fotografien, Notizen, Ausfuhrpapieren und Objekten nachvollziehbar. Unterstützt wurde er von seiner Familie, allen voran seiner Ehefrau Ulrike Himmelheber und seinem Stiefsohn Eberhard Fischer. Besonders eindrücklich zeigt seine minutiöse Dokumentation des Werkverfahrens das Beispiel des Lobi-Bildhauers Binate Kambre, inklusive Film, Figur, Notizen und Etiketten. Eine Projektion seiner Prüfungsfragen und Unterrichtsmaterialien zeigte Himmelheber als Dozent an der New Yorker Columbia University.
LOOK CLOSER war auch als Aufruf gemeint, Himmelhebers Forschungs- und Sammelpraktiken historisch einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Ein zentrales Element war die Bühne in der Mitte des Ausstellungsraumes. Auf einer grossen Leinwand wurde ein Film gezeigt, der auf Briefen und Notizen zwischen Himmelheber und seinem langjährigen Forschungspartner George Tahmen basierte. Die halb dokumentarische, halb fiktionale Montage thematisierte die Aushandlung von Wissen und Macht in der ethnologischen Feldforschung. Auch die lokale Bevölkerung war massgeblich an der Wissensproduktion beteiligt.
„Künstler*innen“
Der zweite Bereich entlang der rechten Wand der Ausstellung verdeutlichte die Besonderheiten von Himmelhebers Künstleransatz. Anhand von Originalwerken, prägnanten Künstlerbiografien, Fotografien und Zitaten wurde das individuelle Wissen, die gestalterischen Fähigkeiten und die charakteristische Handschrift einzelner Künstlerpersönlichkeiten sichtbar gemacht – darunter Kouakoudili, Sra und Sabou bi Boti, deren Werke vier Jahrzehnte künstlerischen Schaffens umfassen. Zugleich offenbarte die Präsentation eine Leerstelle: Frauen fanden in Himmelhebers Kunstbegriff kaum Beachtung. Ihr künstlerisches Schaffen wurden anonymisiert und unter dem Begriff „Handwerk“ subsumiert.
Ein hartnäckiges Vorurteil über die Kunst Afrikas besagt, sie bewege sich ausschließlich innerhalb enger regionaler Stilgrenzen. Mit seinen Forschungen zu Innovation und Kontaktkunst konnte Himmelheber dieses Bild widerlegen. Als einer der ersten dokumentierte er, wie afrikanische Künstler aktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse aufgriffen und den bestehenden Kunstkanon durch neue Formen, Farben, Materialien und Motive erweiterten. Einen markanten Trend, den Himmelheber in den 1960er-Jahren beobachtete, beschrieb er als „Barockisierung“ – die Häufung ungewöhnlicher und opulenter Motive.
Dazu gehörte etwa eine neue Maskenform, die Mami Wata darstellte – einen weiblichen Wassergeist, der mit Schlangen tanzt. Himmelheber konnte nachweisen, dass das in Westafrika weit verbreitete Motiv der Mami Wata auf einer in Bombay gedruckten Lithografie einer Schlangenbändigerin basierte – ein Bild, dessen Ursprung ihm damals noch unbekannt war. Erst später wurde deutlich, dass diese Darstellung ursprünglich für Werbezwecke sogenannter „menschlicher Zoos“ in Europa verwendet wurde.
„Das Projekt“
Der dritte Teil der Ausstellung präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse zweier Fallstudien, die Einblicke in monatelange Feldforschung in der Côte d'Ivoire geben. Die Forschungsprojekte von Anja Soldat und Daniela Müller wurden filmisch von Albert Lutz porträtiert. Die erste Restudy widmet sich der Objektbiografie fein geschnitzter Baule-Arbeiten, die Himmelheber 1935 dem französischen Gouverneur Reste überreichte. In seinem Begleitmanuskript entwickelt Himmelheber seine Theorie einer „L'art pour l'art“ im afrikanischen Kontext.
Die zweite Restudy von Daniela Müller rückte das Wissen und die performativen Praktiken von Frauen rund um Wakemia in der Dan-Region ins Zentrum. Die monumentalen Löffel zeigen Porträts von Frauen sowie geometrische Motive. In Anlehnung an Himmelhebers Vorgehen vor fünfzig Jahren liess Müller einen Porträtlöffel von sich anfertigen und dokumentierte dessen Herstellungsprozess
„Künstlerische Forschung“
Im vierten Ausstellungsbereich stand künstlerische Forschung im Mittelpunkt – als Schlüssel, um das Archiv Himmelheber aus afrikanischer Perspektive neu zu denken. Für LOOK CLOSER setzten sich acht Künstler*innen aus der Côte d'Ivoire, der DR Kongo, der Karibik und der Diaspora mit dem Archiv auseinander – vielstimmig, kritisch und kreativ.
Sinzo Aanza rekonstruierte in Zusammenarbeit mit guerillaclassics koloniale Tonarchive mit KI. Désiré Amani reagierte performativ auf Maskentänze der Guro. Obou Gbais erschuf eine moderne Neuinterpretation eines Läufermaskenwesens der Dan mit Kostüm. David Shongo brachte historische Fotografien zurück an Orte in der DR Kongo, die Himmelheber 1938/39 besucht hatte, und reflektierte in seinem Film Lumène seine familiäre versus die koloniale Geschichte.
Michèle Magema „manipulierte“ Himmelhebers Fotografien aus dem Belgisch Kongo und verwandelte sie in persönliche Erinnerungsbilder. Ihre raumgreifende Arbeit À la rencontre de nos souvenirs kombiniert Zeichnungen von Landschaften, Menschen und Orten aus dem Archiv. Mit feinen Linien zeichnete sie Himmelhebers Reiseroute nach und erschuf so eine neue Topografie des kolonialen Archivs.
Gemeinsam mit dem Museum kuratierten Kea Boccomino (Afrinova) und Jonas Lendenmann das Black Swiss Art/ist Program, das Kunstschaffende aus der African Community in der Schweiz förderte. Auch hier wurde das Archiv kritisch reflektiert – ebenso wie die Institution Museum. Titilayo Adebayo, Cherry-Ann Morgan und Teddy Pratt entwickelten alternative Narrative und neue künstlerische Perspektiven. Morgan etwa untersuchte die Symbolik von Museumsobjekten und verwandelte sie in Textilien und Masken für karibische und panafrikanische Heilungsrituale.
Die eingeladenen Künstler*innen haben das Archiv Himmelheber neu interpretiert, historische Materialien reaktiviert und verborgene Geschichten sichtbar gemacht. Ihre Arbeiten führten zu intensiven Diskussionen über Identität, Erbe, Museen, Eigentum und Dekolonisierung – Themen, die auch im Rahmenprogramm mit Lesungen, Artist Talks, Performances, dialogischen Führungen und der Konferenz Reworking the Archives vertieft wurden.
Für einen längeren Artikel über die Ausstellung siehe Oberhofer, Michaela, "Reimagining the Hans Himmelheber Archive of African Art"/"Réinventer les archives Hans Himmelheber d'art africain", Tribal Art Magazine, 109, 2023, 106-113